In den Gangs von Neukölln

Das Leben des Yehya E.

Ab 16.09. bei Hoffmann & Campe und in jedem Buchgeschäft.

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"Sachbuch des Jahres"
FAS

"Was ihm die deutsche Gesellschaft versagt, holt sich Yehya auf dem Asphalt, wo es die Illusion des Aufstiegs gibt. Dass Stahls berührendes Buch sich darüber kein endgültiges Urteil erlaubt, diese Verbindung andeutet und sich herantastet, zählt zu seinen großen Stärken."
DIE ZEIT

"Ein phantastisches Buch. Warum Yehya wieder im Gefängnis sitzt, müssen Sie selber lesen, wie Sie das Buch überhaupt lesen sollten."
Antonia Baums, FAS

"Stahl entlässt Yehya in dem Buch nicht aus der Verantwortung. Aber er prangert auch die Versäumnisse deutscher Integrations- und Flüchtlingspolitik an, gibt einen Einblick in das raue Leben der Straßengangs in Neukölln, den Knastalltag und die Macht der Ausländerbehörden."
Markus Deggerich, DER SPIEGEL

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Aus "Die Gangs von Neukölln", Kapitel 1

Schuld


»Sechs Jahre.«
Im Saal 700 des Kriminalgerichts Moabit wurde es für einen Moment gespenstisch still.
Sechs Jahre Haft beantragte die Staatsanwältin. Das sind zweitausendeinhundertundneunzig Tage. Oder die Zeit von der Geburt bis zum ersten Schultag. Oder die komplette Jugend oder meine gesamte Studienzeit plus das Volontariat beim damaligen Sender Freies Berlin.
Sechs Jahre sind eine verdammt lange Zeit.
Hinter mir, im Zuschauerraum, seufzte die Mutter eines Mitangeklagten erschrocken. Alle anderen schwiegen. Die sechs Angeklagten, vier davon links von mir in einem Kasten, der unten holzvertäfelt war und oben eine Scheibe aus Panzerglas hatte. Zwei weitere, die nicht mehr in Untersuchungshaft waren, in einer Stuhlreihe gegenüber. Ihre Anwälte in langen schwarzen Roben. Die Jugendgerichtshelfer rechts von mir. Die drei Richter und zwei Schöffen hinter ihrem erhöhten Pult aus Wilhelminischer Zeit. Hinten im Zuschauerraum die Eltern, Brüder und Schwestern der sechs Neuköllner Jungs, um die es hier ging. Alle horchten auf. Ich saß allein auf den Pressebänken.
Zum Prozessauftakt waren noch alle da gewesen: Bild, BZ, Tagesspiegel, Inforadio, Berliner Abendschau, Der Spiegel. Sie waren seinetwegen hier. Natürlich. Er hatte es wieder mal geschafft, im Mittelpunkt zu stehen:
Yehya E.
Saal 700 ist der größte und prächtigste Saal des berühmten Kriminalgerichts in Moabit. In diesem Gerichtsgebäude wurden schon Wilhelm Voigt, bekannter als der Hauptmann von Köpenick, Carl von Ossietzky wegen Abdrucks des Tucholsky-Zitates »Soldaten sind Mörder«, Horst Mahler wegen der Befreiung von Andreas Baader, Bubi Scholz, Arno Funke alias Dagobert, Erich Honecker und Egon Krenz angeklagt und verurteilt. Nicht alle im neobarocken Saal 700, aber die meisten. Und jetzt er.
Bestimmt wusste Yehya nicht, in welch illustrer Gesellschaft er sich hier befand.
Als Chef einer Neuköllner Bande, so die Anklage, habe Yehya ab dem Sommer 2013 drei Überfälle organisiert, geplant und durchführen lassen. Die Taten hatten alle Beteiligten schon vor Prozessbeginn gestanden. Allerdings sagten sie, sie seien keine Bande gewesen, sondern Freunde. Bei der letzten Tat im Oktober hatten sie einen Tresor geklaut, in dem noch der Schlüssel steckte.
Jetzt saßen sie alle vor mir, die Köpfe zwischen den durchtrainierten Schultern gesenkt. Ich kannte viele von ihnen. Seit Jahren. Weil ich Yehya kannte und weil ich etwas von ihrer Lebenswelt erfahren wollte. Mit den meisten war ich schon im Fitnessstudio oder in der Shishabar. Ein seltsames Gefühl beschlich mich im Gerichtssaal. War ich Kriminellen zu nahe gekommen? War ich mit meinem beruflichen Eifer zu tief in ihre Welt eingetaucht? War ich als Journalist zu weit gegangen und verteidigte etwas, das nicht zu verteidigen war und ist?
Aber was verteidigte ich denn?